Der Soul ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Kia gute Arbeit in Sachen Elektromobilität macht. (Bilder: eCarandBike)

Kia e-Soul mit Long-Range-Battery:

Déjà-vu im besten Sinn

Der Kia e-Soul ist bereits das vierte Modell des südkoreanischen Autobauers, das wir testen. Nun hat der Soul den guten Eindruck bestätigt, den die Hybrid- und die vollelektrische Variante des Niro sowie der Optima machten. Im Gegensatz zur Fahrt mit dem e-Niro haben wir diesmal die Reichweiten genauer geprüft. Vorweg nur so viel: Kia stapelt tief.

von Moritz Hell

Die Meinungen zum Design des Kia Soul gehen drastisch auseinander. „Hässlich“ urteilt so mancher, „schön“ nennt ihn ein anderer. Ich selbst bin unschlüssig, kann beide Standpunkte nachvollziehen und einige mich mit mir selbst auf das Attribut »lustig«: Dieses Auto erinnert an alte Krankenwägen, in der Farbe ebenso wie in der Form.

Erinnerungen werden auch wach, wenn man das Touch-Display bedient. Wenig verwunderlich ähnelt die Armatur jener des e-Niro. Im Falle des zentral platzierten Displays verheißt das nichts Gutes: Die Menüführung ist aus meiner Sicht genauso wenig »usable« wie im zuvor getesteten Modell. Doch zum Glück ist das nicht der einzige Trend, der sich abzeichnet.

Fast ist es, als würde ich erneut am Steuer des Niro sitzen, so ähnlich ist das Fahrverhalten des Soul. Das ist kein Zufall, denn beide Modelle sind mit einer 64-kWh-Batterie und einem 150-kW-Motor ausgestattet. Es gibt eine Menge Adjektive, mit denen sich beschreiben lässt, wie sich der Soul fährt. Dann müsste man aber auch Worte nennen, die widersprüchlich scheinen. Zum Beispiel ist der Soul durchaus sportlich – dabei aber stets ruhig. Er ist solide, aber locker; seriös und zugleich emotional. Der Soul schafft es – nicht als erstes Elektroauto von Kia –, Gegensätze zu vereinen. Einzig zum Adjektiv »zuverlässig« findet sich aus gutem Grund kein Gegenteil. [gallery type="rectangular" link="file" ids="77919,77920,77921,77922,77923,77927"]
Nachts Strom laden – oder auch nicht
Wir testen den Soul, der in Europa nur mehr vollelektrisch angeboten wird, auf einer Strecke von Wien über Marchegg nach Bad Deutsch-Altenburg sowie auf einer weiteren Strecke von Wien nach Oberrohrbach, jeweils auch retour. Die Suche nach einer Ladesäule in Altenburg stellt sich dabei (leider) als Musterbeispiel für ein Problem der Elektromobilität heraus – zum Glück ohne Folgen. Vom Händler haben wir eine Smatrics-Ladekarte bekommen. Das zur Verfügung gestellte Ladekabel hat autoseitig einen Typ-2-Stecker, stationsseitig gibt es einen Schukostecker – nicht optimal, aber da vor dem Büro, wo ohnehin ein Drittel des Tages verbracht wird, unsere Schrack-Ladesäule steht, kein Problem. Man hat ja die Zeit. Aber sonst? Sonst heißt es Ausschau halten nach Ladestationen von Smatrics, beispielsweise via App. Beim Händler habe ich bereits nachgefragt, wie der Schukostecker und die Ladekarte zusammenpassen, und erfahre von ihm, dass die meisten Stationen von Smatrics ohnehin passende Typ-2-Stecker haben. (Das redaktionseigene Ladekabel mit beidseitigem Typ-2-Anschluss für diese Tour habe ich vergessen.) Nun hat Smatrics zweifellos ein gut ausgebautes Netz mit hohen Ladegeschwindigkeiten; auf Autobahnen ist man damit gut beraten, in einigen Parkhäusern gibt es extra Parkplätze mit Wallboxen für E-Autos, und auch bei so manchem Supermarkt kann man mit einer Ladekarte von Smatrics die Batterie laden. Das Blöde an der Sache ist: Für die Bedürfnisse dieser Testfahrten ist das absolut unpassend. Trotz meiner letzten Ladeerfahrung habe ich die »Reichweitenangst« noch nicht abgelegt. Also recherchiere ich im Vorhinein, ob es rund um die Hainburger Au Ladeplätze gibt. Und siehe da: Ausgerechnet in Bad Deutsch-Altenburg, wo ich eine Nacht zu verweilen gedenke, befindet sich eine Ladestation! Die Beschreibung »Typ 2 (Buchse)« ignoriere ich jedoch. Gut gelaunt trete ich die Fahrt an, im Glauben, nach der Ankunft in Bad Deutsch-Altenburg »endlich mal auswärts« und – im Gegensatz zum letzten Mal – sinnvoll zu laden.
Die Entdeckung des dritten Rekuperationsgrades
Laut Google Maps führt die kürzeste Route vom Startpunkt im westlichen Wien nach Marchegg über Wien-Donaustadt. 59,8 km ist sie lang und führt ausschließlich über Landstraßen. Das Navi im Kia kennt diese Strecke jedoch nicht. Es schlägt vor, über Schwechat und Hainburg nach Marchegg zu fahren. Dieser Weg ist knapp 10 km länger und sieht auch die Autobahn vor. Opportunistisch folge ich dem Navi. Der Tag ist sonnig, die Batterie zu rund 90 Prozent geladen, und mit etwas mehr als 400 km Reichweite muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich ans Ziel komme. Bei weit über 30° C Außentemperatur sorgt die Klimaanlage für 23° im Fahrzeug, das außerdem mein Handy wird per USB lädt (der Soul hätte sogar eine qi-Funktion, die das Ladekabel erspart). Die gesamte Fahrt wird im Eco-Modus absolviert. Anders als beim Niro kommt man in diesem Modus nicht über 130 km/h hinaus, aber das ist ohnehin nicht angeraten. Im Stadtverkehr sorgt die Beschleunigung aus dem Stand, wie bei Elektroautos üblich, für großes Vergnügen, auf der Autobahn erspart die Geschwindigkeitsbeschränkung des Eco-Modus den Blick auf den Tacho. Als Offenbarung entpuppt sich aber das Fahren auf der Landstraße. Bislang wusste ich mit Bremsrekuperationslevel 3, der höchsten Stufe, nichts anzufangen. Doch für die Landstraße eignet sich diese Einstellung perfekt. Meist reicht es tatsächlich, den Fuß vom Strompedal zu nehmen. Ist das der verwirklichte Traum vom (fast) lautlosen Gleiten? Die gute Laune hält bei der Ankunft in Marchegg an. Den Eindruck, sparsam gefahren zu sein, bestätigt das Auto. Der Soul gibt nämlich Feedback anhand einer Unterteilung in drei Fahrstile: »Ökonomisch«, »Normal« und »Dynamisch«. Lag der Anteil am ökonomischen Fahrstil bei der Abfahrt noch bei 85 %, beziffert der Soul ihn nun mit 92 %. Kia weiß, wie man Leute zum umweltbewussten Fahren animiert. (Das Spiel kann freilich auch in die andere Richtung gehen, wenn jemand nach einer »dynamischen« Fahrweise trachtet.) Die Folge des ökonomischen Fahrstils? Die verbliebene Reichweite beträgt 347 km, der Akku ist noch zu 78 % geladen. „Ich überlege, ob ich heute Nacht gar nicht erst laden soll. Weil: wozu?“, habe ich dem Handy angesichts dieser Tatsache diktiert. Die Reichweitenangabe hat sich also als sehr realitätsnah herausgestellt. Und Verlässlichkeit ist ein hohes Gut. Tatsächlich entscheide ich mich dazu, den Soul über Nacht nicht zu laden. Dafür sollte er am Vormittag die eine oder andere Stunden an der Säule hängen. Doch es kommt anders. Zum einen steht zum geplanten Zeitpunkt natürlich ein anderes Elektroauto an der Ladestation. Zum anderen spielt das gar keine Rolle – denn die Station hat kein Kabel. Stattdessen ist sie, wie auf der Smatrics-Homepage korrekt angegeben, mit einer Typ-2-Buchse ausgestattet. Es reicht also nicht, eine passende Ladekarte und ein Kabel zu haben, um ein Elektroauto mit Strom zu versorgen. Angesichts des Akkustandes ist das aber egal. Bei der Rückfahrt nach Wien wird nicht auf Zahlen geschaut. Da diese mit einer Spritztour durch die Gegend beginnt, im Rahmen derer sich meine Begleitung angetan vom Kia Soul zeigt, lässt sich die Reichweitenangabe nicht mit der tatsächlichen Distanz vergleichen. Außerdem werden die Fahrmodi noch einmal bunt gemischt, was eine Einordnung zusätzlich erschwert. Sicher ist, dass ab Bruck an der Leitha der Normal-Modus zum Zug kommt und bei der Ankunft in Wien mit exakt dem halben Akkustand 204 km übrigbleiben. In Anbetracht der Tatsachen, dass die letzte Angabe vom Vortag – 347 km – noch mit dem Eco-Modus gerechnet hat, seit jenem Zeitpunkt mehrere zig Kilometer zurückgelegt wurden und die Strecke von Bruck nach Wien rund 50 km lang ist, wirken die Werte plausibel. [gallery type="thumbnails" link="file" ids="77929,77931,77925,77926,77928,77930,77936"]
Herausragend
An diesem Wochenende steht noch ein zweiter, kleinerer Ausflug an. Mittlerweile habe ich keine Zweifel mehr, dass bis zur Rückgabe des Autos am Montag kein Aufladen notwendig ist. So kann ich ganz gelassen zum Goldenen Bründl nach Oberrohrbach fahren. Bei der Abfahrt von Wien-Floridsdorf stehen noch 49 % bzw. 202 km zur Verfügung. Am Zielort stellt sich heraus, dass erstens sich dort eine Ladestation befindet, und zweitens der Kia noch 183 km zurücklegen kann. Die Reichweite hat sich um 19 km reduziert, der Ladestand um 6 %. Doch jetzt kommt’s: Laut Google Maps beträgt die Entfernung zwischen Floridsdorf und Oberrohrbach 34,5 km. Die Reichweite, die der Soul eingebüßt hat, entspricht nur etwa der Hälfte der realen Distanz! Das ist selbst im Eco-Modus unglaublich. Um das zu veranschaulichen: Die einzigen spürbaren Einschränkungen sind die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h und eine etwas langsamere Beschleunigung (mit der trotzdem praktisch kein Verbrenner mithalten kann). Verglichen mit der Fahrt nach Marchegg war der Fahrstil mit »nur« 90 % diesmal weniger ökonomisch. Auf dem Rückweg wird das Kunststück wiederholt. Dieser ist mit 23,6 km zwar um einiges kürzer als der Hinweg, aber auch das spiegelt sich in der Reichweite des Akkus wider. 39 % Ladestand bedeuten 173 km verbliebene Reichweite.
Fazit
Vier Eindrücke habe ich beim Testen des Kia Soul gewonnen. Fangen wir mit den beiden eher negativen an. Die Menüführung gehört überarbeitet und die Suche nach Lademöglichkeiten kann nach wie vor mühsam sein. Letzteres ist allerdings nichts, was nur Kia betrifft. Hier sind in erster Linie Hersteller, Stromanbieter und Politik gefragt, Lösungen zu finden. Doch das ist Sudern auf hohem Niveau, denn die positiven Aspekte überstrahlen die zuerst genannten negativen. Dank der 64-kWh-Akkus trifft Kia-Fahrer das Ladeproblem nicht so hart, denn 452 km Reichweite sind eine vertrauenswürdige Angabe. Doch nicht nur der starke Akku gibt Anlass zur Freude, sondern auch das Fahrverhalten tut das. Das dürfte kein Zufall sein. Denn den guten Eindruck, den ich vom Niro bekommen hatte, hat der Soul jetzt eindrücklich bestätigt: In Korea baut man echt gute Elektroautos. [gallery type="rectangular" ids="77934,77935,77940,77941"]
Responsive image Moritz Hell (Redaktion)

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