Kia sorgt mit dem Niro für großen Fahrspaß – eine Empfehlung. (Bilder: ecarandbike)

eCar-Test: Kia e-Niro mit Long-Range-Battery

Ein Erlebnis mit einer Rakete

Die Plug-in-Variante des Kia Niro haben wir bereits vor einem Jahr getestet. Vor einigen Wochen kam nun das vollelektrische Modell auf den Markt. Das haben wir zum Anlass genommen, den e-Niro in der Variante mit 64-kWh-Batterie zu testen. Wir nehmen vorweg: Es hat großes Vergnügen bereitet (Selbstgeißelung inklusive) – aber auch vermeidbare Kosten von rund 100 Euro verursacht.

von Moritz Hell

Der Sitz bewegt sich! Ja, der Fahrersitz des Kia e-Niro bewegt sich tatsächlich, wenn man nach dem Einsteigen die Tür schließt. Zuerst wollte ich es nicht glauben, aber als ich zum zweiten Mal in dieses Auto einsteige, bestätigt sich der Verdacht. Der »lebendige« Sitz ist nicht das einzige Detail, das sich der koreanische Autobauer hat einfallen lassen, um es den Insassen so komfortabel wie möglich zu machen.
Groß und (zu) gut ausgestattet
Komfortabel ist der Niro auch aufgrund seiner Größe. Der Crossover-SUV bietet viel Platz im Innenraum. Das ist unter anderem einer Breite von gut 1,8 und einer Länge von knapp 4,4 Metern zu verdanken. Aber nicht einmal ungeübte Autofahrer müssen sich Sorgen darüber machen, zu weit rechts zu fahren oder nicht in eine Parklücke zu kommen. Der Niro hat nämlich hochentwickelte Fahrerassistenzsysteme. Dazu zählen etwa der Spurhalteassistent, das Kollisionswarnsystem und das Notbremssystem mit Fußgängererkennung, ebenso eine Rückfahrkamera. Die Liste der Features ließe sich nahezu beliebig erweitern, man kann angesichts der Fähigkeiten des Niro nur den Hut ziehen. Diese Medaille hat aber auch eine Kehrseite. Weil die Funktionen so zahlreich sind, ist es schwierig, einen Überblick zu bekommen. Mit anderen Worten: Die Menüführung des Bordcomputers ist nicht gerade intuitiv. Die vielen Knöpfe, Schalter und Hebel rechts und links vom Fahrer und hinter dem Lenkrad machen die Sache nicht besser. In diesem Punkt zeigt der Niro ein Problem der voranschreitenden Automatisierung auf: Je mehr ein Auto kann, umso weniger müssen wir zwar selber lenken, aber umso schwieriger wird es für uns, seine Funktionsweise zu verstehen. Die Bedeutung von zweien der Hebel hinter dem Lenkrad stellte sich Rekuperationsgrad der Bremsen heraus. Der Niro kennt fünf verschiedene: jene von 0 bis 3 – also von keiner Rekuperation bis zu hoher Rekuperation – und die Automatik. Wählt man die automatische Rekuperation, ist das Fahrassistenzsystem im Einsatz. Diese Fahrweise ist, sagen wir einmal, gewöhnungsbedürftig. Am häufigsten waren während des Tests Grad 1 und 2 im Einsatz. Zugegeben, mit etwas mehr Gewöhnungswillen ließe sich konsequent mit Stufe 3 fahren. Der Bordcomputer zeigt den Effekt der Rekuperation übrigens an. Das motiviert zu einem sparsamen Fahrstil. So konnte ich mich ersten Testtag daran erfreuen, 1,2 Kilometer an zusätzlicher Reichweite zu gewinnen, indem ich den Wagen 1,3 Kilometer bergab bis in die Ebene hinunterrollen ließ. Da spielte es keine Rolle, dass es sehr langsam voran ging.
Von der Lehre des Ladens
Bis an diesen Punkt mag das Urteil über den Kia Niro zwiespältig klingen. Der Eindruck täuscht, denn die genannten »Probleme« gelten nicht nur für den Niro, sondern für sehr viele Autos. In Wahrheit ist der Niro eine ernstzunehmende Kampfansage an alle Verbrenner. 485 Kilometer schafft der Niro mit der Long-Range-Battery von 64 kWh laut WLTP. Ich habe im Verlauf der – im Nachhinein betrachtet leider viel zu wenigen – Testtage das Auto dennoch einmal in einer Parkgarage abgestellt und an einer Ladestation aufgeladen, besorgt, es könnte nicht für die restlichen Tage reichen; zuvor hatte ich das reine Stadtauto Zhidou getestet, das nicht gerade mit einer großen Reichweite gesegnet ist. Wenn dessen Akku zu ungefähr 80 Prozent geladen ist, hat das aber andere Folgen, als wenn der Akku eines Kia Niro zum gleichen Anteil geladen ist. So durfte ich feststellen, dass nicht nur eine zu hohe Erwartung an die Reichweite eines (Elektro-)Autos zu bösen Überraschungen führen kann, sondern auch das andere Extrem, die Übervorsichtigkeit. Das Laden im Parkhaus sollte mir daher ein Lehrstück sein. Rund vier Stunden war das Auto dort abgestellt, um die Batterie vollständig zu laden. Genau das sollte man aber nach Meinung vieler Experten nicht tun – vor allem dann nicht, wenn der Ladestand bereits über 80 Prozent beträgt. Das schadet nämlich der Leistung und Haltbarkeit der Batterie. Wenn man aber vom Leopoldsberg über die Höhen- und die Bundesstraße nach Dürrwien fährt und von dort über die Autobahn zurück in die Metropole – eine Strecke von rund 80 Kilometern –, sind 80 Prozent Akkustand vollkommen ausreichend (Nach WLTP beträgt die Reichweite bei Vollladung 455 Kilometer). Für Überraschung sorgte daher der Anruf des Ladestationsbetreibers ein paar Tage später. Abgerechnet wird nicht nach der geladenen Leistung – die in Anbetracht des Ladestatus gering war –, sondern nach der Ladezeit. 43 Euro kosteten die vier Stunden, in denen die exorbitante Leistung von einem Kilowatt in den Akku des Niro floss. Ja, auch über die Art der Abrechnung müssen sich Elektroautobesitzer Gedanken machen. Insider vermuten indes, dass manche Stationsbetreiber den Ladevorgang automatisch beenden, wenn das Auto zu 80 Prozent geladen ist. Dadurch sollen mehr Kunden in kürzerer Zeit Strom laden. Das könnte auch hier passiert sein. In diesem Fall blieb es bei den Kosten für die Parkgebühr, denn der Betreiber der Ladestation sah aufgrund der geringen Menge freundlicherweise davon ab, den Preis für die Stehzeit zu verlangen. Somit entstanden, von der Parkgebühr in der Garage abgesehen, auch hier keine Kosten. Wie dem auch sei, in einem Testbericht muss es ums Fahren gehen. Wie bei Tests mit anderen Autos war die Reichweite am Ende etwas geringer als angegeben, schließlich mussten alle Fahrmodi, die der Wagen zu bieten hat, ausgiebig geprüft werden. Genug also von der grauen Theorie: hin zur Praxis!
Auch auf Sparflamme explosiv
Beim Start ist der Eco-Modus aktiviert. Wer glaubt, dass diese Variante den Fahrspaß einschränkt, liegt völlig daneben. Es wäre noch eine deutliche Untertreibung, zu sagen, die Beschleunigung in diesem Modus könne sich sehen lassen. Ehrlich: An der Ampel als erster loszufahren hat mir noch nie so viel Spaß gemacht! Dem 150-kW-Motor sei Dank. Kurioserweise kommen die Räder mit der Beschleunigung nicht ganz mit und drehen beim Losfahren gelegentlich durch. Kurz fühle ich mich wie der kriminelle Protagonist eines Roadmovies, der auf der Flucht vor der Polizei ist. Und das im Eco-Modus! Selbstverständlich kann man sich fragen, in wie weit die Bezeichnungen der Fahrmodi passen. Sie sind allerdings durchdacht konzipiert: Weder sind sie einander zu ähnlich, sodass sich an ihrem Sinn zweifeln ließe, noch sind sie so unterschiedlich, dass man glauben könnte, ein komplett anderes Auto zu fahren. Beim Modus mit der niedrigsten Leistung kann man definitiv von einem Sparmodus sprechen. Eco plus schaltet automatisch Features wie Heizung oder Klimaanlage ab, um den Verbrauch so niedrig wie möglich zu halten. Das Sparen betrifft selbstverständlich auch die Geschwindigkeit, bei 90 km/h ist Schluss. Damit eignet sich dieser Modus bestens für Kurzstrecken. Denn erstens, wie oft fährt man dabei über 90 km/h, und zweitens, fährt man dann wirklich so lange, dass es nötig ist, zu heizen? (Anmerkung, die während einer Hitzeperiode verfasst wurde: Im Winter ist Eco plus wahrscheinlich besser geeignet als bei über dreißig Grad Lufttemperatur.) Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl gehabt, mit Eco plus auf etwas verzichten zu müssen. Selbst in diesem Modus hängt man beim Beschleunigen aus dem Stand Verbrenner ab, nur so als Beispiel. Schade am schnellen Beschleunigen finde ich nur, dass das Geräusch nicht mehr wahrnehmbar ist, das der Niro dabei erzeugt. Das Losfahren, wie auch das Stehenbleiben, klingen wie ein Soundeffekt aus einem Science-Fiction-Film. Man kann sich auch an kleinen Dingen erfreuen. Am anderen Ende der Skala ist der Sport-Modus. In dem Moment, in dem ich in diesem zum ersten Mal aufs Gaspedal steige, kommt mir mein Kollege Daniel Schöppl in den Sinn, der einen Autotest mit „Ich habe gesündigt!“ betitelt hat. Nun bin ich zwar mit dem Elektroauto lokal emissionsfrei unterwegs, während er seine Worte im Zuge einer Testfahrt mit einem Plug-in-Hybriden geäußert hat. Als ansonsten eher gemütlicher »Cruiser«, der Wert aufs vorausschauende Fahren legt, habe ich schnelles Beschleunigen mehr als berufliche Notwendigkeit gesehen – bis zu dem Zeitpunkt, als ich das Lenkrad des Niro in meinen Händen hielt und sein Strompedal unter meinem Fuß spürte. Das Beschleunigen – es ist einfach … extrem leiwand! Der Niro ist eine Rakete! Mit diesem Gerät verfällt man gerne dem Geschwindigkeitsrausch. Warum ich da ans Sündigen gedacht habe? Weil man recht schnell auf 50 km/h beschleunigt …  (so viel also zur Selbstgeißelung). 100 km/h erreicht der Niro dem Hersteller zufolge übrigens in 7,8 Sekunden. Nein, ich habe keine Strafe für eine Geschwindigkeitsüberschreitung erhalten. Apropos Sündigen: Im Gegensatz zu Eco plus scheint der Eco-Modus keine Geschwindigkeitsbegrenzung zu kennen. Das heißt, zumindest keine, die für österreichische Autobahnen relevant wäre. Ob man nun Eco, Normal oder Sport auf der Autobahn fährt, ist also (mehr oder weniger) egal. Auf Straßen wie jenen, die auf den Kahlenberg führen, wo der Niro unter anderem getestet wurde, ist der Sport-Modus eher – um nicht zu sagen: ausschließlich – etwas für (semi-)professionelle Autofahrer.
Wie ich zur Geldstrafe kam
In meinem Wohnbezirk braucht man ein Parkpickerl. Wo also das Auto tagsüber abstellen, wenn man nicht ins Büro muss? Zum Glück steht die Mitbewohnerin mit einem Tipp zur Seite: Der Supermarkt ums Eck kontrolliert die Parkplätze nicht. Einmal könne man durchaus das Auto dort abstellen. Also ausprobiert und zack – schon war die Strafe da. Offensichtlich kann man das Auto doch nicht länger als für die Dauer des Einkaufs dort abstellen, auch einmal nicht. Ja, die Testfahrt mit dem Kia Niro war ein großer Spaß – allerdings auch ein teurer. Das Fahren würde ich gerne wiederholen. Das Parken eher nicht.  
Mein persönliches Fazit
Wenn ich könnte, würde ich drei hochgestreckte Daumen vergeben. In puncto Fahrverhalten ist der Kia e-Niro wohl das beste Auto, an dessen Steuer ich je saß, sämtliche Verbrenner eingerechnet. Ich war die meiste Zeit im Eco-Modus unterwegs. Dieser ist sparsam und gleichzeitig komfortabel. Auch auf der Autobahn erreicht der Niro eine hohe Geschwindigkeit. Selbst dem Sport-Modus steht Eco in diesem Punkt um nichts nach. Für kurze Fahrten reicht Eco plus. Kritikpunkt ist definitiv die Menüführung, die übersichtlicher gestaltet werden muss. In Summe ein Auto, das ganz viel Spaß macht!   [gallery type="rectangular" ids="75232,75237,75229,75230,75233,75231,75234,75235,75236,75238,75240,75239,75241,75243,75242"]
Responsive image Moritz Hell (Redaktion)

Wir setzen großes Engagement in unsere selbst recherchierten Berichte - wenn Sie dem Anerkennung zollen und weiterlesen wollen, freuen wir uns über Ihre Anmeldung zu unserem Newsletterdienst. Vielen Dank!


Kommentar verfassen