Markus Kreisel
„Wir werden auf jeden Fall ganz intensiv den Weg der Elektrifizierung gehen. Uns geht es nicht nur um das Elektroauto, uns geht es um die Energiewende", so Markus Kreisel im eCarAndBike-Interview. (Bilder: Kreisel Electric)

Markus Kreisel von Kreisel Electric im Interview:

„Es geht immer nur um Know-how“

Kreisel Electric muss in einem Fachmagazin für Elektromobilität nicht mehr vorgestellt werden, haben sie doch sogar in den Tageszeitungen die Schlagzeilen der letzten Monate bestimmt. Die Geschichte der drei Brüder, die jedes Mutterherz erwärmt, ging in den Medien rauf und runter. Was machen sie allerdings, wenn sie nicht gerade das Auto von »Arnie« umbauen? Markus Kreisel erzählt es uns im exklusiven eCarandBike-Branchentalk!

»Kreisel eröffnet neues Hightech-Headquarter«, »Schwarzenegger präsentierte Auto mit Kreisel-Motor im US-Fernsehen«, »Kreisel Electric erhält Klimaschutzpreis« – Schluss damit! Bei all der Medienaufmerksamkeit hat mittlerweile so gut wie jeder mitbekommen, dass die drei Brüder aus Freistadt einen kometenhaften Aufstieg, vom Beginn ihrer Arbeiten in der eigenen Garage bis hin zu internationaler Anerkennung, hingelegt haben. Und JA, sie kennen auch den Arnold Schwarzenegger. Als Fachmagazin möchten wir aber nicht auf den Boulevard-Zug aufspringen und alles wiederkauen, was bereits in Tageszeitungen zu lesen war. Wir wollen Fakten und Insider-Informationen! Deshalb haben wir einen Termin mit Markus Kreisel vereinbart, um mit ihm über den Status quo der Elektromobilität und Zukunftsperspektiven für das junge Unternehmen zu sprechen.

Herr Kreisel, wenn man Ihren Namen hört, denkt man unweigerlich an die G-Klasse, die Sie für Arnold Schwarzenegger medienwirksam umgebaut haben. Abseits davon machen Sie im Bereich der Elektromobilität allerdings noch viel mehr. Was genau sind Ihre Geschäftsfelder?

Markus Kreisel: Generell gibt es drei Geschäftsbereiche, in denen wir aktiv sind. Einerseits sind das klassische Entwicklungsprojekte: Industrien beauftragen uns für verschiedenste Anwendungen, wie z.B. Automotive, Marine oder auch stationäre Lösungen. Da gibt es irrsinnig viele Projekte und vor allem im Bereich Automotive ist das Spektrum riesig. Unsere Batterie hat eine sehr gute Kerntechnologie, die modular aufgebaut ist. Das gibt uns einen großen Vorteil, weil wir dadurch sehr variabel sind und uns dementsprechend unkompliziert an Kundenwünsche anpassen können. Wir haben aber auch Know-how und Technologie in der Ladetechnik, wissen, wie man ein Fahrzeug aufbaut und können Software für Antriebskomponenten programmieren. Wir bieten also wirklich auch Komplettlösungen und sind nicht nur Batterie-Spezialisten. Der zweite Geschäftsbereich ist die Internationalisierung, sprich, wir wollen unsere ­Batterie-Technologie auch industrialisieren. Dabei fokussieren wir uns auf Kleinstserien-Fertigung von 500 bis 1.000 Einheiten, die wir auch selbst produzieren können. Für Kunden, die eine große Serie fertigen wollen, bieten wir Dienstleistungen und Entwicklungsarbeit, auf deren Grundlage sie ihre Serie dann selbstständig machen können. Bei entsprechend hohen Volumina gehen wir auch Partnerschaften ein, sodass wir tatsächlich Technologie weitergeben. Und das dritte Geschäftsfeld sind die eigenen Produkte. Aufgrund unserer zahlreichen Entwicklungsprojekte wissen wir ganz genau, was passieren wird. Wir sehen einfach, dass die Industrie in manchen Bereichen noch keine Lösungen hat, speziell bei der Infrastruktur, im Speicher- und Regelungsenergiemarkt sowie im Heimspeicher-Bereich. Mit diesen Themen beschäftigen wir uns momentan sehr intensiv und entwickeln gerade erste eigene Produkte.

Abgesehen von Prototypen und Entwicklungsprojekten, wo kommen denn Ihre Batterien bereits zum Einsatz? Gibt es schon Partner bzw. Automobilhersteller, die Ihre Batterien verwenden?

Kreisel: Aktuell machen wir hauptsächlich noch Vorentwicklungsprojekte, da wir ein junges Unternehmen sind, das es noch nicht so lange gibt. Bei der Generation der Batterien, die jetzt von den OEMs auf den Markt kommt, sind wir noch nicht dabei. Das geht sich gar nicht aus. Ein Produktentwicklungszyklus bedeutet mindestens drei Jahre Arbeit. Jetzt erst, wo wir ein validiertes abgeschlossenes Produkt haben, können wir mit den OEMs auch konkret über Industrie- und Serienanwendungen sprechen. Auf Basis dieser Vorentwicklungsprojekte ist nun der nächste Schritt, in die Serie hineinzukommen. Das wird aber nicht vor 2020/2021 passieren.

Gibt es diesbezüglich aktuell schon Gespräche mit OEMs?

Im Kreisel-Headquarter in Rainbach im Mühlviertel können kleine Produktionsserien von 500 bis 1.000 Einheiten realisiert werden – absolut ausreichend für ein Unternehmen, das den Fokus auf die Entwicklung legt.

Kreisel: Sicher! Dazu kann ich aber noch nicht viel sagen. Ein Projekt gibt es mit dem holländischen Bushersteller VDL. Die bauen dieses Jahr 100 Fahrzeuge auf Basis des Mercedes Sprinter und wir haben den kompletten Antriebsstrang sowie die Batterie entwickelt. Im Herbst werden die Fahrzeuge dann an die Kunden ausgeliefert.

Nun machen Sie neuerdings auch Ladestationen. Gerade in diesem Bereich gibt es bereits sehr viele große Hersteller, die über ein umfangreiches Vertriebsnetz verfügen. Was ist also Ihr Modell, um sich am Markt durchzusetzen?

Kreisel: Es geht hier nicht nur um Ladestationen, sondern um komplette Infrastrukturlösungen. Parkhaus- oder Flughafenbetreiber, die sehr viele Parkplätze haben, stehen vor der Herausforderung, dass in den nächsten sechs Jahren weltweit 50 Millionen Elektrofahrzeuge gebaut werden. Die Betreiber solcher Parkanlagen brauchen keine Ladesäule, sie brauchen Infrastrukturlösungen. Hier geht es um die Umsetzung, die Planung, die Kombination von Photovoltaik-Anlagen mit intelligenten Ladelastmanagement-Sys-temen. Da ist die Ladesäule alleine relativ uninteressant. Es gibt ganz wenige Firmen, die eine richtige Konzeptentwicklung haben und auch die Basis davon verstehen. Wir wissen: Was braucht ein Elektroauto? Ist 100 kW DC laden in Zukunft überhaupt notwendig? Wie funktioniert das bidirektional? Was für Software braucht man dazu? Und das sind die Themen, denen wir uns voll widmen. Natürlich haben wir uns im Zuge dessen auch mit Wallboxen beschäftigt und kooperieren mit Herstellern, deren Komponenten wir teilweise zukaufen und anschließend veredeln. Aber uns geht es auch hier hauptsächlich um die Konzeptentwicklung, die wir den Kunden anbieten. Wenn ein Parkhausbetreiber 500 Stationen bauen möchte, unterstützen wir wieder mit der Dienstleistung und haben unsere Partner, die das dann umsetzen. Wir haben ja auch Kooperationen mit diesen großen Herstellern – die können auch nicht alles alleine machen.

Sie wollen also jetzt nicht den Markt für ­Ladestationen aufmischen?

Kreisel: Nein, nein. Gar nicht. Wir kooperieren mit anderen Industrien, bringen unser Know-how in die Gestaltung von Systemlösungen ein und veredeln dann ein bisschen. Die Komponenten im Hintergrund sind aber OEM-Komponenten.

Wie sehen Sie Elektromobilität in Österreich? Was sind die nächsten Schritte zur Massentauglichkeit?

Kreisel: Die Infrastruktur muss auf jeden Fall noch breiter aufgebaut werden – das ist klar! Der Kunde darf keine Hemmnisse mehr bezüglich Lademöglichkeiten haben, wenn er wohin fährt. Das ist heute noch eine große Herausforderung, aber es ist jedem klar, dass die Infrastruktur wachsen wird. Der Markt ist gewappnet. Es gibt ja eigentlich kein Risiko. Die Millionen an Elektroautos werden kommen. Man muss hier eben ein bisschen in die Vorfinanzierung gehen und dann klappt das. Warum das heute noch nicht so funktioniert? Lieferzeiten! Kunden sind prinzipiell bereit Elektroautos zu kaufen, allerdings muss man derzeit noch acht Monate oder länger darauf warten. Das ist frustrierend! Und in acht Monaten werden dann schon wieder neue Autos angekündigt, die vielleicht noch mehr Reichweite haben. Dass die Industrie die Stückzahlen noch nicht umsetzen kann, ist durchaus ein bisschen problematisch.

Wer soll aus Ihrer Sicht das Thema Ladeinfrastruktur umsetzen und finanzieren?

Kreisel: Das werden die Industrien selber machen. Da wird heute schon viel Geld investiert. Unternehmen werden mit der Elektromobilität noch einiges probieren und so wird es bspw. eben immer mehr Gastronomieunternehmen geben, die tätig werden. Leute werden in Zukunft nicht mehr auf konventionellen Tankstellen laden, vielmehr werden sie das mit dem Essen gehen oder dem Einkaufen kombinieren. Dann werden von Spar bis Rewe alle Lebensmittelhändler aktiv und so wird sich das aufbauen. Die Nachfrage bestimmt hier das Angebot.

Das funktioniert bei Menschen, die zuhause eine Lademöglichkeit haben. Was ist mit Bewohnern einer Wohnhausanlage? Für die werden Zwischenladungen alleine nicht ausreichen. Wie kann man dieses Problem lösen?

Kreisel: Wenn ein Wohnhaus Parkmöglichkeiten hat, kann man das lösen – das ist überhaupt keine Hexerei! Man kann über Batteriespeicher die Spitzen etwas ausgleichen, das muss einfach intelligent umgesetzt werden. Und wenn nicht ausreichend Parkplätze verfügbar sind, muss man sich das so vorstellen: In der Großstadt fährt man nicht täglich 300 oder 400 Kilometer – eher 20 – 30 Kilometer. Bei einem Auto mit 300 Kilometern Reichweite reicht dann eine Ladung pro Woche. Und einmal in der Woche muss ich einkaufen fahren oder sonstiges. Es ist alles lösbar.

Markus Kreisel: “Dass Tesla nicht mehr Minus hat, ist ein Weltwunder!
Die machen meiner Meinung nach schon sehr viel richtig.”

Sie haben den Anspruch, international einer der ganz Großen zu werden. Andere siedeln sich dafür in Silicon Valley an, Kreisel hingegen in Rainbach im Mühlviertel. Bleibt das so?

Kreisel: Wir wollen der Region etwas Gutes tun und möchten hier natürlich Wertschöpfung haben. Priorität eins ist bei uns das Mühlviertel, aber »Region« bedeutet für uns auch Europa. Es geht ja um das Thema Europa. 2018 haben wir das Ziel, mit realisierten Produkten breiter mit großen Industrialisierungspartnern zusammenzuarbeiten und so auch international zu wachsen. Alleine schaffen wir das ja nicht so schnell. Es gibt viele Industrien, die um ihre Zukunft fürchten, weil sie Verbrenner für »normale« Fahrzeuge entwickeln und deshalb neue Geschäftsmodelle benötigen. Für die sind wir extrem interessant. Die haben wiederum eine komplette Infrastruktur, Netzwerke und Personal und wir nützen das unter dem Namen Kreisel.

Der Standort bleibt also in Rainbach und Sie werden dann durch strategische Partnerschaften international groß?

Kreisel: Genau. Es geht immer nur um Geschwindigkeit. Wenn wir uns selbstständig international aufbauen würden, bräuchten wir dafür fünf Jahre und eigentlich ist nicht viel passiert. Es macht auch gar keinen Sinn, weltweit Standorte zu eröffnen. Gerade bei dem Thema Elektromobilität müssen wir in Zukunft wirklich etwas ändern. Da benötigt es möglichst schnelle Umsetzungen, weil wir eine Verantwortung gegenüber der Umwelt haben. Wir wollen uns nicht das ganze Geld alleine einstecken, sondern wirklich eine nachhaltige Veränderung schaffen und das treibt uns enorm an.

Vergleiche zwischen Kreisel und Tesla sind naheliegend: Jung, innovativ, viel gutes Marketing und dementsprechende Aufmerksamkeit. Tesla wird jedoch nachgesagt, dass die »Elon-Musk-Show« nicht wirtschaftlich ist. Wie ist das bei Kreisel?

Kreisel: Ich glaube, dass Elon Musk Tesla durchaus wirtschaftlich betreibt. Jeder andere Hersteller würde zehnmal so viel Geld brauchen, wenn er das gemacht hätte, was Tesla aufgezogen hat – das ist meine Meinung. Eigentlich sind sie schon »supereffizient«. Man muss immer das Ganze sehen: Tesla hat in sehr kurzer Zeit eine weltweite Infrastruktur aufgebaut. Dass die nicht mehr Minus haben, ist ein Weltwunder! Die machen meiner Meinung nach schon sehr viel richtig.

Natürlich ist das toll. Aber wenn es irgendwann nicht mehr finanziert werden kann, hat es sich doch für ein Unternehmen trotzdem nicht gelohnt, oder?

Kreisel: Ganz ehrlich, es ist ganz egal, wie wirtschaftlich Tesla ist. Es geht um den Wert des Unternehmens. Das dort vorhandene Know-how ist unbezahlbar! Renommierte Autohersteller würden sich freuen, über dieses Know-how zu verfügen. Deswegen ist auch der Firmenwert von Tesla so hoch. Die haben eine Infrastruktur aufgebaut, wie es weltweit kein anderer gemacht hat. Die kennen das Ladeverhalten von Menschen weltweit! Die wissen, wie die Elektronik weltweit funktioniert. Und das ist der eigentliche Wert. Autos produzieren ist schön und gut, aber wenn Tesla die nicht mehr selber produzieren will oder kann, lassen sie die Autos halt morgen von jemand anderem produzieren. Die Industrien gibt es ja. Es geht immer nur um das Know-how. Und auf diesem Gebiet ist Tesla unbezahlbar! Wirklich! Da ist Tesla allen anderen soweit voraus, das muss man neidlos anerkennen.

Ist Tesla ein Vorbild für Kreisel?

Kreisel: Wir sind wirklich froh, dass es die Firma Tesla gibt. Generell freuen wir uns über alle Industrien, die in diesem Bereich aktiv sind – auch die deutschen und die asiatischen OEMs. Das bringt eine echte Dynamik, die die Welt weiterentwickelt und besser macht. Tesla muss man neidlos anerkennen, dass sie die ersten waren, die den Anstoß dazu gegeben haben. Das haben sie super gemacht. Wir sind absolute Fans von Tesla, definitiv!

Zurück zur Frage von vorhin: Wie steht es bei all dem guten Marketing tatsächlich um die Wirtschaftlichkeit von Kreisel?

Kreisel: Wir waren bisher immer wirtschaftlich. Seit unserer Gründung 2014 können wir jedes Jahr ein positives Ergebnis vorweisen. Am Anfang haben wir in der Garage gearbeitet, wo wir geringe Unkosten hatten. Natürlich haben wir dann schon viel Geld investiert, aber immer wirtschaftlich. Jetzt sind wir mittlerweile an einem Punkt, an dem wir gerade viel für die Zukunft investieren müssen. Nachdem wir jedoch nicht voll in die Breite gehen und eine Infrastruktur aufbauen oder Autos herstellen wollen, bleiben diese enormen Kosten aus. Uns geht es um Know-how und Technologie, weil Know-how das Wertvollste ist und deshalb fokussieren wir uns auch auf die Entwicklung.

Was kann man sich von Kreisel in naher Zukunft erwarten?

Kreisel: Wir werden auf jeden Fall ganz intensiv den Weg der Elektrifizierung gehen. Uns geht es nicht nur um das Elektroauto, uns geht es um die Energiewende. Da sprechen wir von intelligentem Zusammenspiel von Mobilität, Infrastruktur und erneuerbaren Energien. Das Elektroauto gehört hier einfach dazu und wird für die Energiewende eine wichtige Rolle spielen. Wenn wir Speicher dann einmal bidirektional nützen können, können wir die Netze stabilisieren. Wir beschäftigen uns derzeit mit Photovoltaik-Lösungen, also wie man intelligent mit Photovoltaik und Speicher, Infrastruktur sowie Lademanagement umgehen kann. In diese Bereiche werden wir ganz sicher noch intensiv eindringen. Das Wichtigste sind effizientere Lösungen – ohne Effizienz können wir kein CO2 einsparen. Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen: kreiselelectric.com


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