Der smart vision EQ ist ein Carsharing-Konzept für den öffentlichen Nahverkehr. Er ist nicht für den Besitz eines Einzelnen konzipiert, sondern holt seine Passagiere am gewünschten Ort ab. (Bild: Daimler AG)

Autonomes Fahren:

Die große Unbekannte

Während die Nutzung von Autos in Industrieländern stetig weniger wird, steigt sie besonders in Entwicklungsländern massiv an, wie 3sat in der Sendung »Unsere Zukunft« vermeldet. In 20 Jahren werden laut UNO in Afrika mehr Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen als durch AIDS, Tuberkulose und Krieg zusammengezählt. Sollten wir uns also vor dem selbstfahrenden Menschen schützen? Ist die Maschine alleine zuverlässiger? Autonome Fahrzeuge als Lösungsansatz oder doch wieder nur Verursacher neuer Probleme? Wir zeichnen ein Stimmungsbild…

Wie sieht die Welt eigentlich 2023 aus? Und wie im Jahr 2030? Die Experten der Technologie- und Innovationsberatungsgesellschaft Invensity haben dafür realistische Szenarien entwickelt, die auf bestehenden Trends und umfassenden Know-hows basieren. „Mit unseren Szenarien wollten wir bewusst keine Studie erstellen oder phantasieren, sondern auf reale Themen bezogen aufzeigen, wie sich die Welt in den kommenden Jahren entwickeln wird“, so Geschäftsführer Frank Lichtenberg zu den Hintergründen. Das Ergebnis: Autonomes Fahren spielt eine wesentliche Rolle für die Mobilität der Zukunft, birgt aber gleichzeitig enorme Risiken. Wie fast überall gibt es eben nicht nur Vorteile – die berühmten zwei Seiten der Medaille. Nach Meinung der Invensity-Berater ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass bis zum Jahr 2023 ein terroristisches Attentat mit einem gehackten autonom fahrenden PKW stattfindet. “Generell gilt, ob es sich um autonomes Fahren oder GPS gesteuerte Drohnen handelt: Jedes dieser Systeme ist ein potenzielles Scheunentor für Angreifer. Drahtlos, berührungslos – Kriminalität erhält eine neue Dimension“, warnt Lichtenberg. Invensity arbeitet deshalb mit einem Konsortium an einer Norm. Mit der ISO 26262 soll festgehalten werden, wie die Fahrzeuge untereinander kommunizieren und welche Sicherheitsanforderungen die Hersteller zu erfüllen haben. Auch DI Dr. Wolfgang Ponweiser, Research Engineer beim Center for Mobility Systems am Austrian Institute of Technology, spricht das Thema während seines Vortrages im Rahmen des Austrian-Standards-Fachkongresses zum Internet of Things an: „Entscheidend ist, dass nötige Gesetze und erforderliche Standards aktuell noch nicht existieren. Die IT-Spezialisten benötigen Regulierungen im Bereich Cyber-Sicherheit, OEMs brauchen Regeln für die Fahrassistenzsysteme, die sie am Markt vertreiben wollen und Robotiker schicken ihre Fahrzeuge jetzt schon auf die Straßen und wollen dementsprechend Klarheit, die es so jedoch noch nicht gibt. Mit diesen, noch fehlenden, Gesetzen und Standardisierungen wird die Zukunft des autonomen Fahrens entscheidend mitgestaltet.

Muss das Ziel Perfektion sein?

So viel also zu den Problematiken beim autonomen Fahren. Doch wie lange dauert es, bis wir tatsächlich entsprechende Gesetze und (Sicherheits-)Standards haben? Die Mühlen von Verwaltung und Gerichtsbarkeit mahlen schließlich langsam. Und ist maschinelle Perfektion dabei tatsächlich das Ziel? Vergeben wir vielleicht Chancen beim Streben nach Fehlerfreiheit? Laut einer Studie der Denkfabrik RAND (Research ANd Development) Corporation ist die Antwort darauf eindeutig »Ja!«. Fahrzeuge, die nur wenig besser agieren als menschliche Fahrer, könnten allein in den USA hunderttausende Leben retten – innerhalb von 30 Jahren! Eine baldige Einführung der Technologie könnte außerdem eine schnellere Weiterentwicklung begünstigen, wie David Groves, Co-Autor der Studie, weiß: „Wenn wir akzeptieren könnten, dass selbstfahrende Autos Fehler machen, aber weniger als Menschen, könnten Entwickler die frühe Entwicklung nutzen, um die Technologie schneller zu verbessern.“ Auch Nidhi Kalra, Leiterin des RAND-Büros in San Francisco, warnt davor die Latte allzu hoch zu legen: „Wenn wir warten, bis die Fahrzeuge nahezu perfekt sind, wird das viele tausende unnötige Verkehrstote aufgrund menschlichen Versagens fordern. Da ist Perfektion wahrlich der Feind des Guten.“ Selbstfahrende Autos, die nur 10 % besser fahren als Menschen, könnten der RAND-Schätzung nach schon tausende Leben pro Jahr retten. 30 weitere Jahre auf 75 % – 90 % bessere autonome Fahrzeuge zu warten, würde demnach für die USA bedeuten, Verkehrstote im sechsstelligen Bereich in Kauf zu nehmen – für das Streben nach Perfektion! Die Experten von RAND befürchten jedoch, dass schlussendlich die menschliche Natur der Grund sein wird für die unnötig lange Verzögerung des Einsatzes der Technologie. Denn Fahrzeuge, die nur etwas besser fahren als Menschen, würden immer noch Fehler verursachen. Die Technologie- und Innovationsberatungsgesellschaft plädiert daher schon seit längerem dafür, dass der Vergleich mit menschlichen Fehlern das Kriterium sein sollte, ob der Einsatz selbstfahrender Autos sinnvoll ist. Während manche sagen, dass die Technik noch nicht ausgereift genug ist, fordern andere wiederum eine rasche Zulassung der Autos. Diesbezüglich eine realistische Prognose für den zeitlichen Horizont zu erstellen, scheint schwierig. Klar jedoch ist, dass Hersteller in der Zwischenzeit nicht tatenlos herumsitzen und auf Entscheidungen warten, vielmehr treiben sie die Entwicklung selbst aktiv voran. Im Folgenden präsentieren wir Ihnen deshalb einen Querschnitt über aktuelle Projekte aus der Welt des autonomen Fahrens.

Projekt: Audi A8, Elaine & Aicon

Was passiert: Audi realisiert mit der Neuauflage des A8 bereits Stufe 3 nach Wiener Konvention in einem Großserienfahrzeug. Stufe 3 bedeutet auf der fünfteiligen Skala hochautomatisiertes Fahren und ist damit die Vorstufe vom vollautomatisierten Fahren. Stufe 5 gilt als fahrerlose Fortbewegung. Laut Hersteller-Website erkennen und bewerten bis zu 41 Assistenzsysteme die aktuelle Umgebung während der Fahrt, liefern bei Bedarf zusätzliche Informationen und greifen in Situationen ein, wenn es kritisch werden sollte. Mit den Konzeptfahrzeugen Elaine und Aicon wird auch bereits an Stufe 4 und 5 »gebastelt«. Der Elaine ist schon vollautomatisiert, verfügt aber noch über Lenkrad und Pedalerie, während der Aicon noch einen Schritt weitergeht und darauf verzichtet.

Projekt: Renault Symbioz

Was passiert: Der Symbioz ist ein Konzeptfahrzeug der Stufe 4 und stellt die Vision eines autonom fahrenden, vernetzten und rein elektrischen Fahrzeugs von Renault dar. Mit dem Symbioz soll es keine Trennung mehr zwischen Auto und Wohnraum geben. Formen, Farben, Materialien, Funktionen – Alles ist dafür ausgelegt, dass man sich fühlt, als würde man im Wohnzimmer reisen, so die Angaben.

Projekt: smart vision EQ

Was passiert: Das Showcar kommt – wie der Aicon – ohne Lenkrad und Pedalerie aus. Die Seitenfenster sind mit Spezialfolie überzogen, auf die von innen Informationen projiziert werden können. Im Interieur ist im Frontbereich ein Black-Panel-Display für User-Interface-Aktivitäten eingebaut. Die Steuerung der Fahrzeugfunktionen funktioniert mit dem Mobiltelefon oder per Spracheingabe.

Projekt: Volvo XC90 als Basisfahrzeug für selbstfahrende Uber

Was passiert: Volvo wird zwischen 2019 und 2021 Zehntausende von Fahrzeugen an den Fahrdienstleister Uber verkaufen, die auf autonomes Fahren ausgelegt sind. Die beiden Unternehmen haben dazu eine Rahmenvereinbarung unterzeichnet. Die Volvo XC90, die an Uber geliefert werden, sind in enger Zusammenarbeit der Volvo- Ingenieure mit den Kollegen von Uber entwickelt worden. Sie verfügen über alle notwendigen Sicherheits-, Redundanz- und Basissysteme für autonomes Fahren, damit Uber seine eigene Selbstfahrtechnik hinzufügen kann. Zusätzlich wird Volvo die gleichen Basisfahrzeuge auch für die Entwicklung eigener autonom fahrender Autos nutzen. Ziel ist die Einführung des ersten vollkommen autonomen Fahrzeugs im Jahr 2021.

Projekt: BMW iNext

Was passiert: Der Marktstart des BMW iNext soll 2021 erfolgen. Er wird hochautomatisiert fahren können (Stufe 3) und soll auch die technischen Voraussetzungen für Stufe 4 und Stufe 5 mitbringen. Auf dem neuen Campus in Unterschleißheim bei München werden über 2.000 Mitarbeiter das autonome Fahren vorantreiben. Bevor die Passagiere während der Fahrt schlafen können, bedarf es allerdings auch noch Regulierungen seitens der Gesetzgebung.

Bilder: Audi AG, Pivital Nicolas


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