(Bild: Ernst & Young GmbH)

Nachwehen der WLTP-Umstellung bremsen Autohersteller unterschiedlich stark

Neuwagenabsatz in der EU weiter unter Druck

Wien, 15. November 2018. Trotz eines zusätzlichen Verkaufstags sank die Zahl der Pkw-Neuzulassungen in der EU im Oktober erneut – um gut 7 Prozent. In Österreich schrumpfte der Neuwagenabsatz sogar um 20 Prozent. Der Grund für die schwache Absatzentwicklung in den vergangenen zwei Monaten ist die Umstellung auf den WLTP-Prüfstandard: Seit dem 1. September dürfen in Europa nur noch Fahrzeuge verkauft werden, die nach den neuen WLTP-Regeln zugelassen wurden. Daher haben einige Autohersteller im Vorfeld der Umstellung noch im großen Stil alte NEFZ-Modelle in den Markt gedrückt.

An den Zulassungszahlen lässt sich deutlich ablesen, bei welchen Unternehmen die WLTP-Umstellung inzwischen abgeschlossen ist. So konnte etwa Daimler seinen Absatz in der EU gegen den Trend um 8 Prozent erhöhen, bei BMW betrug das Plus 14 Prozent. Auf der an-deren Seite lagen die Neuzulassungen von Volkswagen und von Fiat-Modellen 15 Prozent unter den Vorjahreswerten, Renault verzeichnete einen Rückgang um 24 Prozent, Audi sogar um 54 Prozent.

Gerhard Schwartz, Partner und Sector Leader Industrial Products bei EY Österreich, rechnet damit, dass sich die Lage im laufenden Monat bereits wieder weitgehend normalisiert haben und der Pkw-Absatz im November und Dezember wieder etwa auf Vorjahresniveau liegen wird. Für das Gesamtjahr geht Schwartz von einem Absatzwachstum von knapp zwei Prozent aus: „Trotz der WLTP-Verwerfungen wird der EU-Neuwagenmarkt im Jahr 2018 leicht wachsen und mit voraussichtlich 15,3 Millionen Neuzulassungen auf den höchsten Stand seit zehn Jahren klettern. In Österreich wird der Neuwagenabsatz voraussichtlich auf Vorjahresniveau liegen.

Diesel-Marktanteil weiter unter Druck

Im Oktober sanken die Neuzulassungen von Diesel-Pkw in den fünf größten EU-Märkten (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien) um 23 Prozent und damit noch erheblich stärker als der Gesamtmarkt. Der Diesel-Marktanteil schrumpfte in den fünf Ländern um 7,9 Prozentpunkte auf 35,1 Prozent. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren, im Oktober 2016, war noch jeder zweite neu zugelassene Pkw ein Diesel-Modell gewesen.

In Österreich schrumpfte der Absatz von Selbstzündern im Oktober sogar um ein Drittel. Der Marktanteil sank um 7,5 Prozentpunkte auf 39,2 Prozent.

Die Diesel-Debatte flaut nicht ab, und immer wieder sorgen Gerichtsentscheide über Fahrverbote für neue Unsicherheiten für potenzielle Autokäufer. Dieser Trend ist europaweit zu beobachten“, so Schwartz. „Zudem kündigen immer mehr Autohersteller den Ausstieg aus dieser Technologie an und bieten keine oder weniger Diesel-Varianten.

Auch wenn die neuen und tatsächlich sauberen Dieselmotoren der Euro 6d-Temp-Norm in den nächsten Monaten ohne Einschränkungen verfügbar sind, rechnet Schwartz nicht mit einer Renaissance des Diesels: „Die Autoindustrie muss sich auf einen dauerhaft niedrigen Diesel-Marktanteil einstellen, der mittelfristig etwa bei einem Viertel liegen dürfte. Damit ist unklar, wie die Autokonzerne die von der EU beschlossenen CO2-Ziele erreichen sollen. Dafür müssten die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen sehr schnell sehr deutlich steigen.

Absatz von Elektrofahrzeugen weiter auf sehr niedrigem Niveau

Der Absatz von Elektrofahrzeugen stieg im bisherigen Jahresverlauf und im Oktober zwar stark, allerdings von einem niedrigen Ausgangsniveau, so dass der Marktanteil nach wie vor sehr gering ist. Von Januar bis Oktober wurden in den fünf größten EU-Absatzmärkten ins-gesamt knapp 78.000 Elektroautos neu zugelassen – das waren zwar 31 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, der Marktanteil kletterte dabei aber nur von 0,6 auf 0,8 Prozent. Eine größere Rolle spielen Hybrid-Autos, deren Absatz um 37 Prozent auf knapp 440.000 Fahr-zeuge zulegte. Der Marktanteil lag damit im bisherigen Jahresverlauf bei 4,6 Prozent (Vorjahr: 3,4 Prozent).

In Österreich hat sich die Zahl der Neuzulassungen von Elektroautos sogar von 411 auf 836 mehr als verdoppelt, während die Zahl der neu zugelassenen Hybrid-Pkw leicht von 785 auf 750 sank.

Von den sieben analysierten Absatzmärkten (Top 5 sowie Österreich und Schweiz) weist Österreich im bisherigen Jahresverlauf mit 1,8 Prozent den höchsten Marktanteil von Elektrofahrzeugen auf, während in Italien gerade einmal 0,3 Prozent der Neuwagen rein elektrisch fahren. „Elektroautos sind nach wie vor reine Nischenfahrzeuge, die sehr selten von Privatpersonen geordert werden, sondern eher als Geschäftswagen eine – wenn auch nur geringe – Rolle spielen. Hybridfahrzeuge entwickeln sich hingegen gerade im gehobenen Segment inzwischen durchaus zu einer ernstzunehmenden Alternative zum Diesel“, beobachtet Schwartz.

Der erhoffte Boom bei Elektrofahrzeugen wird nach Schwartz‘ Einschätzung noch etwas auf sich warten lassen: „Noch stehen zu wenige Modelle zur Auswahl, die Preise sind zu hoch, die Reichweiten zu gering und die Ladeinfrastruktur ist immer noch unzureichend.“ Allerdings komme derzeit Bewegung in den Markt: „Die führenden Autokonzerne machen jetzt ernst und haben inzwischen tatsächlich attraktive Elektroautos am Start. Ab 2020 wird die Elektromobilität daher mit zunehmender Dynamik ins Rollen kommen, was sich dann auch in den Absatzzahlen widerspiegeln wird.

Quelle: Ernst & Young GmbH


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