Sharing, elektrisch und digital. Diese Trends ermöglichen unter anderem das autonome Fahren. Bild: Fotolia

Marco Piffarreti über den Stand der Elektromobilität in der Schweiz

Mit der richtigen Infrastruktur zu einer anwenderfreundlichen Elektromobilität

Meinung – Angesichts der Energiestrategie 2050 gewinnt die Elektromobilität zunehmend an Relevanz. Was allerdings die notwendige Infrastruktur anbelangt, hat die Schweiz ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Marco Piffaretti, Geschäftsführer der Protoscar SA, nimmt vor allem Politik und Bauwirtschaft in die Verantwortung und fordert umfassende Massnahmen. Wir haben mit ihm über den Stand der Elektromobilität in der Schweiz gesprochen.

 Aufmacherbild: Fotolia

Herr Piffaretti, wo steht die Schweiz auf ihrem Weg zu 100 Prozent Elektromobilität?

Wie alle anderen Länder wird auch die Schweiz bis 2050 praktisch vollelektrisch fahren. Denn die Autohersteller werden diese immer leistungsfähigere Technologie laufend kostengünstiger anbieten können. Norwegen, Kalifornien oder China kann die Schweiz jedoch nicht mehr einholen, es sei denn, unsere nationalen Politiker entscheiden sich für eine Beschleunigung dieser Markteinführung und erarbeiten eine schnelle milliardenschwere Förderung. Dies ist in der Schweiz aber sehr unwahrscheinlich.

Was macht die Schweiz für Elektromobilität so interessant?

Unser praktisch CO2-freier Strom-Mix ist die beste Voraussetzung, um mit der Elektromobilität nicht nur viermal effizienter, sondern eben auch emissionsfrei zu fahren. Des Weiteren könnten die 3 Milliarden Franken, die Herr und Frau Schweizer jährlich für Treibstoffe ausgeben, in die Schweizer Wirtschaft einfliessen, da die für das Fahren benötigte Energie mit unseren heimischen Wasserkraftwerken produziert werden könnte. Oder mittels autarker Garagen mit Photovoltaik, Pufferbatterien und regelbaren Ladestationen, wie z.B. die Sun2Wheel. Erste Installationen beweisen bereits, dass diese energetisch und wirtschaftlich sinnvoll sind und somit entsprechend attraktiv für die Anwender.

Welche Massnahmen sehen Sie als unbedingt notwendig?

Abgesehen von den politischen Rahmenbedingungen braucht es unbedingt eine gute öffentliche Ladeinfrastruktur, insbesondere ein 150-kW-Schnellladenetz. Mit den ersten fünf in Betrieb genommenen Standorten von Gofast hat der Aufbau in der Schweiz glücklicherweise bereits begonnen. Allerdings wird das Gofast-Netz ohne jegliche Subventionen realisiert, weshalb es auch noch ein paar Jahre dauern wird, bis die «Supercharger für alle» flächendeckend – an über 100 Standorten in der Schweiz – vorhanden sind.

Was sind die Aufgaben der Bauwirtschaft, um die Elektromobilität in der Schweiz voranzutreiben?

Zum heutigen Zeitpunkt existiert weder ein nationaler Plan betreffend Elektromobilität, noch ist sie Bestandteil der politischen Agenda. Die Schweizer Politik soll sich nun endlich darum kümmern, einen ganzheitlichen Plan zu erarbeiten. Die Bauwirtschaft sollte ihrerseits alle neuen Parkplätze und Garagen mit Leerrohren ausstatten – auch wenn es nicht gesetzlich vorgeschrieben ist –, um Umbaukosten zu senken, wenn später die entsprechenden Ladestationen installiert werden müssen.

Und welchen Stellenwert nimmt dabei die Digitalisierung ein?

Drei Trends wachsen in der Automobilwelt konvergierend zusammen: Sharing, elektrisch und digital. Diese Trends ermöglichen unter anderem das autonome Fahren. Level-5-Fahrzeuge (also Autos ohne Steuerrad und ohne Fahrpedale) können bereits hergestellt werden. Allerdings lässt der Gesetzgeber diese neue Technologie noch nicht zu, obwohl damit ein gemeinsames Ziel erreicht werden kann: «Null Tote auf der Strasse». Die Politik ist in der Regel langsamer als der technologische Fortschritt. Besonders in der Schweiz.

Über Marco Piffaretti

Bild: MCH Group AG

Marco Piffaretti ist 1965 in Bellinzona geboren und hat an der Schule für angewandte Kunst und Design Turin und am Art Center College of Design in La Tour de Peliz Automobildesign studiert. Zwischen 1986 und 1990 hat er sich mit der Entwicklung diverser Elektrofahrzeuge mit Karosserien aus leichten Verbundmetallen beschäftigt. Im Jahre 1987 hat er die Firma Protoscar SA gegründet, ein Ingenieur- und Designunternehmen, das auf die Entwicklung alternativer Fahrzeuge und seit 1992 auch insbesondere auf ökologische Fahrzeuge spezialisiert ist.

Quelle: Redaktion Swissbau


Kommentar verfassen