EAA-Energie Talk: Strompreiszonen-Kompromiss: Folgen für Österreich. Bild: EAA/Ludwig Schedl

Stromexportdruck wächst weiter

Strompreiszonen-Kompromiss

Die Trennung der gemeinsamen Preiszone zwischen Österreich und Deutschland wird zwar erst am 1. Oktober 2018 Realität. Aber schon jetzt sind Entwicklungen absehbar, die Marktteilnehmer und Kunden in Österreich betreffen.

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Am Dienstagabend standen beim EAA-Energie Talk im Museumsquartier die möglichen Folgen des Strompreiszonen-Kompromisses für Österreich im Mittelpunkt einer spannenden Podiumsdiskussion. Prof. Dr. Martin Kocher, Direktor des Instituts für Höhere Studien, Dr. Horst Brandlmaier, MBA, Vorstand OeMAG Abwicklungsstelle für Ökostrom AG und Dr.-Ing. Dipl.-Wirt. Ing. Christoph Maurer, Geschäftsführer der Consentec GmbH diskutierten über die Entwicklung der Strombörsen und deren Auswirkungen auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, für Unternehmen und Industrie sowie den Wirtschaftsstandort Österreich.

„Preiseffekt nach oben“

In den Augen von Consentec-Chef Christoph Maurer gibt es an der Trennung der noch gemeinsamen deutsch-österreichischen Preiszone „nichts mehr zu rütteln“ und es wird in Österreich „einen Preiseffekt nach oben geben“. Wie hoch dieser ausfallen werde, konnte er im Detail nicht sagen. Horst Brandlmaier, Vorstand der OeMAG, die Abwicklungsstelle für Ökostrom AG, geht auch von einer Preiserhöhung aus, die sich aber aus Sicht der OeMAG dämpfend auf die Mehrkosten der Ökostromförderung auswirken wird, weil die abzudeckende Differenz zwischen den durchschnittlichen Einspeisetarifen und den zu Marktpreisen weiterveräußerten Ökostrommengen geringer wird. Kritischer sieht er jedoch die Entwicklung der Kosten für Ausgleichsenergie, die für ihn derzeit noch nicht kalkulierbar sind und nicht unwesentlich auf die Kostenstruktur der Ökostromabwicklung durchschlagen könnten. Treffen könnte die OeMAG insbesondere die spürbare Reduktion der Liquidität am Intraday-Markt. „Sie würde unsere Vermarktungsaktivitäten zur Reduktion der Ausgleichsenergiekosten unangenehm berühren.
Auch IHS-Chef Martin Kocher rechnet „bei den Markpreisen durch die Entkoppelung des deutsch-österreichischen Strommarktes mit einem Preisdifferential zwischen österreichischen und deutschen Börsenotierungen von bis zu zehn Prozent“. Bei den Großhandelspreisen an der EEX gab es bereits Mitte Oktober Preisunterschiede von 2,5 Euro je Megawattstunde zwischen österreichischen und deutschen Terminkontrakten mit Fälligkeiten jeweils für das Jahr 2019. Das entspricht einer Preisdifferenz von etwa fünf bis zehn Prozent und diese Preisschere könnte noch weiter aufgehen. Kocher schätzt, dass die volkswirtschaftlichen Mehrkosten auf der Basis der heute vorliegenden Zahlen 100 bis 300 Millionen Euro jährlich ausmachen könnten.

Nachteil für Österreich als Standort?

Der IHS-Chef prognostiziert, dass einige Branchen oder Unternehmen stärker betroffen sein werden als andere. Die Trennung der gemeinsamen Strompreiszone mit Deutschland wird mehr Belastungen für energieintensive Industrie, aber keine großflächige oder massive Verschlechterung der Lage von Österreichs Industrie verursachen. Der volkswirtschaftliche Preiseffekt wird überschaubar bleiben. Er vermutet, dass die Mehrkosten weder einen negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum noch auf die Inflation haben werden – „sich also eher als Stelle nach dem Komma als vor dem Komma sichtbar machen werden“. Vor allem auch aufgrund des stabilen und guten Wirtschaftsklimas in Österreich werde die Wirtschaft die Auswirkungen der Zonentrennung „gut wegstecken“, sagt Kocher.

Auswirkungen auf den Ausbau der Erneuerbaren

Horst Brandlmaier, Vorstand der OeMAG sieht auch für den Ausbau der Erneuerbaren in Österreich keine Probleme: „Die zu erwartenden höheren Marktpreise bedeuten für Ökostrom, dass das System weniger Zuschüsse benötigt, weil die Differenz zwischen Marktpreis und durchschnittlichen Einspeisekosten geringer wird.“ Auf die Frage, ob die Auflösung der Strompreiszone den Ausbau der erneuerbaren Energien erleichtern oder erschweren werde, meinte er: „Die Heranführung an den Markt wird tendenziell erleichtert, wenn Preise steigen.“ Diese müssten sich aus heutiger Sicht aber beinahe verdoppeln, damit in manchen Bereichen marktpreiskonform produziert werden könne. Seiner Meinung nach seien „insbesondere Windkraft, Photovoltaik und Kleinwasserkraft nahe am Markt und bei Photovoltaik stehen zudem ideelle Motive stark im Vordergrund, wodurch die Kostenbetrachtung oftmals in den Hintergrund rückt“.

„Fehlende Spielregeln“

Die Spielregeln sind noch nicht final definiert und es gibt noch viele Unsicherheiten darüber, wie die 4.900 Megawatt für Handelsaktivitäten aufgeteilt werden. Das ist aber essentiell, denn jeder Bereich, egal ob Intraday-, Day Ahead- oder Terminmarkt benötigt ausreichend Kapazitäten.
Consentec-Chef Maurer hebt hervor, dass „im Zeitraum nach 2020 noch einiges passieren könnte, denn wie mit Handelskapazitäten an den Grenzen umgegangen werden soll, möchte die Europäische Kommission in Zukunft viel stärker kodifizieren“. An Österreichs Grenze zu Deutschland könnten seiner Einschätzung nach zum Beispiel mehr Kapazitäten entstehen, was dazu führen könnte, dass sich die Preisunterschiede zwischen Österreich und Deutschland wieder verringern. Allerdings müsste auch Österreich seine Leitungen Richtung Südosteuropa deutlich ausbauen und damit die Kapazitäten deutlich erhöhen.

Blick in die Zukunft

Für Maurer ist „die Wahrscheinlichkeit, zur gemeinsamen Preiszone Österreich-Deutschland zurückzukehren, sehr gering, weil der Stromexportdruck weiter wachsen und die erneuerbare Energie in Deutschland immer stärker ausgebaut wird“. Aus diesem Grund kann es seiner Meinung nach jedoch auch sein, dass „zusätzliche Erzeugungskapazitäten in Deutschland zur Verfügung stehen und damit auch Preiseffekte, die kurzfristig auftreten, wieder egalisiert werden“. Kritisch sieht der Consentec-Geschäftsführer den Weg, „strukturelle Engpässe möglichst durch Preiszonenteilungen, also durch ein System von kleinen Preiszonen, zu adressieren“. Zu bedenken ist, dass politische Entscheidungen stets von der politischen Großwetterlage abhängig sind. Wie die Diskussionen rund um die Energiewende bei den Jamaika-Verhandlungen gezeigt haben, können auch Grundsatzpositionen wieder ins Wanken geraten.
Quelle: APA


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