Ein Steak oder zehn Avocados:

Der Akku des Elektroautos ist besser als sein Ruf

von Moritz Hell

Gegen Elektroautos wird häufig vorgebracht, dass ein Hauptbestandteil des Akkus, Lithium, bei der Gewinnung zu viel Wasser brauche. Das wiederum belaste die Umweltbilanz des E-Autos massiv. Setzt man die Mengen an Wasser, die man für Lithium braucht, jedoch in Relation zur Gewinnung anderer Güter, entsteht der Eindruck, dass die Elektromobilität absichtlich schlechtgeredet wird. Der Berliner Tagesspiegel hat mit dem Direktor des Helmholtz-Institutes für elektrochemische Energiespeicherung in Ulm, Maximilian Fichtner, über die Ökobilanz der Akkus gesprochen. Fichtner zeichnet ein Bild, das viel mehr das aktuelle Konsumverhalten und die Erdölindustrie als das Elektroauto schlecht dastehen lässt.

von Moritz Hell

Der Wissenschaftler geht von einem 64-kWh-Akku aus. Diese Kapazität haben beispielsweise die Kia-E-Modelle Niro und Soul und ein durchschnittlicher Tesla Model 3. Der Lithium-Abbau für einen solchen Akku kostet laut Fichtner 3.840 Liter Wasser. Das ist die gleiche Menge, die bei der Herstellung von 250 g Rindfleisch anfällt. Auch zehn Avocados oder eine halbe Jeans brauchen so viel Wasser. Statt das Elektroauto zu verteufeln, könnte man also schlicht weniger Fleisch essen oder das eigene Kaufverhalten hinterfragen.

Was in der Debatte weiters oft vergessen wird: Die Ölgewinnung hat selbst enorme Auswirkungen auf die Umwelt – und diese werden in Zukunft noch ärger sein als bisher, prophezeit Fichtner. Wer kritisiert, dass die Lithiumgewinnung in Südamerika zu Wasserknappheit führt, sollte nicht die Augen vor dem verseuchten Nildelta oder der Ölpest im Golf von Mexiko verschließen. Während aber die Methoden der Lithiumgewinnung nachhaltiger und effizienter werden, ist beim Öl das Gegenteil der Fall. Dazu trägt unter anderem die Knappheit dieses Rohstoffes bei; die Orte, an denen er zu finden ist, verlangen immer aufwändigere Methoden. Auch scheint es, die letzten Ölreserven der Erde müssten möglichst preisgünstig ausgeschöpft werden. 2025, sagt Fichtner, werde das Öl aus „unkonventionellen Quellen“ geholt werden. Dazu zählen die Tiefsee und die Arktis, auch das Fracking nennt der Chemiker.

Die nackten Zahlen sprechen Bände. „Derzeit werden weltweit 17,5 Milliarden Liter Öl pro Tag verbraucht. Für die Förderung sind 46 Milliarden Liter Wasser notwendig“, schreibt der Tagesspiegel. „Mit dieser Menge könnte man Lithium für 1,5 Millionen große Tesla-Akkus gewinnen – jeden Tag“, rechnet Fichtner vor. Da ist die Recyclingfähigkeit nicht einkalkuliert. Denn im Gegensatz zu Benzin oder Diesel können Akkus recycelt werden.

Batterie schlägt Wasserstoff

Im Vergleich mit Wasserstoff stiegen E-Autos ebenfalls besser aus, befindet Fichtner. 800 TWh betrage derzeit der Endenergieverbrauch des Verkehrs. Doch mit nur 200 TWh könne man komplett auf batterieelektrische Mobilität umstellen, erklärt Fichtner, und das, obwohl heutzutage diesel- und benzinbetriebene Autos die krasse Mehrheit stellen. Der Wasserstoffantrieb verlange beim derzeitigen Stand der Technik jedoch 1.000 TWh.

Man könnte freilich behaupten, dass Maximilian Fichtner so argumentiert, weil er selbst zu elektrochemischer Energiespeicherung forscht. Das macht den Verzehr von Rindfleisch und das Fahren eines Benziners aber nicht nachhaltiger.

Quelle: Der Tagesspiegel

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2 Kommentare

Rudolf Fleischmann 27. Januar 2020 - 12:26

Es geht nicht sosehr um die Menge sondern was durch den Wasserverbrauch passiert.
Das in den Anden die Salzseen ausgepumpt werden und die Brunnen versiegen sodass die
Menschen ihren Lebensraum verlieren ist das Problem.

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Thomas Buchbauer 29. Januar 2020 - 11:12

Sie haben vollkommen Recht! Ich stimme ihnen zu, dass es eine Katastrophe ist, wie die Menschheit mit der Natur und dem Lebensraum der in den betreffenden Regionen ansässigen Menschen und der Tierwelt umgeht – wir zerstören laufend unseren Planeten. Darum ist es umso wichtiger, dass sich die Autohersteller dazu verpflichten, beim Zukauf von Rohstoffen – bzw. auch schon einen Schritt davor – die Garantie zu bekommen, dass niemand beim Abbau und auch nicht in den folgenden Schritten unter den Abbaubedingungen leidet. Mit Hilfe neuer Verfahren kann die Industrie nun erstmalig gewährleisten, dass vom Rohstoff-Nugget bis zum fertigen Akku garantiert wird, dass die Rohstoffe – weil über die Blockchain-Technologie rückverfolgbar – unter ethisch und ökologisch akzeptablen Bedingungen abgebaut werden. Beginnen will unter anderem Volvo mit der Nachverfolgung von Kobalt. Das Gleiche plant man mit Tantalum, Zinn und Wolfram. VW und BMW haben vergleichbare Konzepte in Anwendung.
Mir ist nicht bekannt, dass die Autoindustrie in der Ära der Verbrennungskraftmaschinen jemals ähnliche Konzepte hatte. Diese Entwicklung ist natürlich nicht alleine der Elektromobilität geschuldet – das ist vollkommen klar. Aber sie entwickelt sich gerade, weil die Industrie durch die notwendig gewordenen Umweltmaßnahmen weder an der batteriebetriebenen Elektromobilität noch an derartigen Nachhaltigkeitskonzepten vorüber kommt.
Ich persönlich würde mich jedenfalls darüber freuen, wenn Donald Trump und seine Freunde aus der Erdölindustrie auf den Abbau ihrer Fracking- und Ölsandfelder verzichten müssten. Denn DAS ist wirklich eine Katastrophe für unseren Planten.

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